Hartung-Gorre Verlag
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Juliane Lepsius
So haben sie es berichtet
Gert Löllbach, Charlotte,
Johanna, Ruth Herz, Richard (Rix) Löwenthal,
Eva und Ruth Brössler, Gerhart Scheunert,
Wilhelm Magnus und Hans Jonas
Jüdische und
nichtjüdische Schicksale in der NS-Zeit und danach
Herausgegeben von
Erhard Roy Wiehn
2. Aufl. 2026; 20141;
178 Seiten, € 24,00.
ISBN
978-3-86628-489-0
Aus dem
Vorwort von Juliane Lepsius
Während
meiner Dienstjahre an der Deutschen Botschaft in Stockholm erhielt ich die
schwerste Aufgabe meines Berufslebens. Auch als Nicht-Juristin war ich durch
die Ausbildung für den Höheren Auswärtigen Dienst befähigt und befugt,
konsularische Aufgaben wahrzunehmen und Zeugenvernehmungen durchzuführen. 1963
hatte in Frankfurt der erste Auschwitz-Prozess begonnen, in dem erstmals vor
einem deutschen Gericht ehemalige KZ-Aufseher als Angeklagte erscheinen
mussten. Im Frühjahr 1964 begannen die Befragungen von Zeugen, denen die
deutschen Ermittlungsbehörden nicht zumuten konnten, in das Land ihrer
ehemaligen Peiniger nach Frankfurt zu reisen und diesen wieder zu begegnen. Als
Konsulin wurde ich ermächtigt und beauftragt, in Schweden lebende Zeugen des
Holocaust dort "auf deutschem Boden" – d.h. in der Deutschen
Botschaft – zu ihren leidvollen Erfahrungen zu befragen und sie dazu zu
bewegen, über ihre traumatischen Erlebnisse auszusagen.
Ich hatte
mich schon länger mit Schicksalen aus der Zeit des Nationalsozialismus befasst.
Oft hatte ich mit dem in Berlin aufgewachsenen und – nach den Novemberpogromen
1938 – nach Schweden geflohenen Gert Löllbach gesprochen. Nach meinem Ausscheiden
aus dem Auswärtigen Dienst erzählte er mir eingehend von seinem Leben im
jüdischen Widerstand in Deutschland und seinem Einsatz für die vor der
Vernichtung geretteten jüdischen Flüchtlinge in seiner neuen Heimat Schweden,
wo er in enger Zusammenarbeit mit der zionistischen Hechalúz-Fischerboote
für die Flucht über den Öresund organisierte: Mut zum Widerstand, so das erste
Kapitel dieser Aufzeichnungen.
Durch das
nach Stockholm geflüchtete Psychoanalytiker-Ehepaar Lajos und Edith Székely
lernte ich ihre in Berlin lebenden Freunde Richard und Charlotte Löwenthal
kennen, mit denen sie Erinnerungen aus ihrer Heidelberger Studienzeit und der
frühen Verfolgung in Deutschland teilten. Der Politologe Richard Löwenthal
spricht in Berlin mit grosser Offenheit über sein
gegenwärtiges und vergangenes politisches Leben. Sein Wunsch war es, dass auch
der mutige Einsatz seiner Frau Charlotte im französischen Widerstand in
Interviews festgehalten würde, an denen er weitgehend teilnahm. Darauf folgen
Gespräche mit Charlottes Schwestern Hannah in Schweden und Ruth, die im
französischen Exil überlebte: Auseinandersetzung mit Totalitarismus.
Bei den
Vorarbeiten zu meinem 1991 erschienenen Buch Es taucht in Träumen wieder auf –
Schicksale seit 1933 (Droste Verlag Düsseldorf) hatte ich durch Sonja Teller,
die Auschwitz überlebte, und ihren Mann George die Londoner
Kinderpsychoanalytikerin Hansi Kennedy kennengelernt. Sie bat mich, auch mit
ihren ehemaligen Wiener Schulkameradinnen Eva und Ruth Brössler Kontakt
aufzunehmen, die nach dem langen Fluchtweg über Holland und die Schweiz ein
neues Leben in den USA aufbauten: Schicksal und Chance.
In meiner
Arbeit an den Themen, die mich über Jahrzehnte bewegten, nahm ich nach vielen
Jahren wieder Kontakt mit meinem ehemaligen Psychoanalytiker Gerhart Scheunert
auf, der einer neuen Generation der Vergangenheitsforscher gegenüberstand, die
ihm seinen frühen Beitritt zur NS-Partei vorhielten. Im hohen Alter durchdachte
er noch einmal die entscheidenden Phasen seines Lebens und liess
mich in vielen Gesprächen an seinen Erinnerungen teilhaben: Die Last des
Irrtums.
Mein Vetter
Wilhelm Magnus erklärte mir die Situation seiner und auch meiner mütterlichen
Familie mit unseren in der Nazizeit gefährdenden Anteilen "jüdischen
Blutes". Diese hatten für meinen in Russland gefallenen Bruder Bernd-Gero
die Beförderung zum Offizier ausgeschlossen. Wilhelm Magnus emigriert nach dem
Krieg in die USA, wo er mit seinen jüdischen Mathematikerfreunden
zusammenarbeitet. Dies führt ihn und seine Frau Trude auch zu einer engen
Freundschaft mit dem Philosophen Hans Jonas, an dessen philosophischer Arbeit
er intensiven Anteil nimmt. An dem freundschaftlichen Umgang durfte ich
teilnehmen: Freunde in der Neuen Welt.
Die häufigen
Gespräche mit diesen Zeugen ihrer Zeit, die ich in Deutschland, Frankreich,
Holland, England, Schweden und den USA führen konnte, erstreckten sich über
mehr als ein Jahrzehnt. Die Aufzeichnungen wurden noch von ihnen abgesegnet.
Ihnen allen gilt mein bleibender Dank für ihr Vertrauen und die vielen Stunden
tiefgehender Gespräche, die mein Leben bereichert haben.
Nümbrecht, im
November 2013 Juliane Lepsius
Aus dem Nachwort von Erhard Roy Wiehn
So haben sie es
berichtet
"Mut zum
Widerstand" (Gert Löllbach), "Auseinandersetzung mit dem Totalitarismus"
(Richard und Charlotte Löwenthal sowie Charlottes Schwestern Johanna (Hanna)
und Ruth), "Schicksal und Chance" (Eva und Ruth Brössler), "Die
Last des Irrtums" (Gerhart Scheunert) und
"Freunde in der Neuen Welt" (Wilhelm Magnus, Hans Jonas und die
Emigration) sind fünf Kapitel der vorliegenden Schrift, die es in sich haben.
Dabei geht es vor allem um jüdische, aber
auch um nichtjüdische Schicksale in Deutschland und Europa während der Zeit des
Dritten Reiches und danach. Diese verschriftlichten Erinnerungen sind im
Verlauf von vielen Jahren durch zahlreiche persönliche Gespräche entstanden,
die nicht nur in Familiengeschichten einführen, sondern auch in die damalige
Wissenschafts- und Zeitgeschichte. Diese autorisierten Überlebensgeschichten sind
berührend, dicht, detailreich, einfühlsam, elegant, hautnah, spannend und wie von innen geschrieben und stellen
zweifellos nicht nur eine große Bereicherung der Edition Schoáh
& Judaica dar, sondern auch der diesbezüglichen
historischen Literatur.
…
Einmal mehr mögen auch hier Wunsch und Motto
unserer Edition gelten: Was aufgeschrieben, veröffentlicht und in etlichen
Bibliotheken der Welt aufgehoben ist, wird hoffentlich nicht so schnell
vergessen, damit vielleicht daraus gelernt werden kann. –
Erev Chanukka 5774
– 27. November 2013
Schlagwörter: Gert Löllbach ; Charlotte Herz ;
Johanna Herz ; Ruth Herz ; Richard Löwenthal ; Eva Brössler
; Gerhart Scheunert ; Wilhelm Magnus ; Hans Jonas ;
Ruth Brössler ; Nationalsozialismus ; Holocaust ; Judenverfolgung ;
Judenfeindlichkeit ; Überlebensschicksal, England, Frankreich, Schweden
Lesenswert in diesem Zusammenhang:
Jürgen
Sehrig
Befremden,
Anerkennung und Selbsterkundung
-
Interviews zur Mitbeteiligung und Faszination im Nationalsozialismus
Konstanz
2013, 414 Seiten, 29,80 € . ISBN 978-3-86628-477-7
Weiterhin aktuell sind die folgenden
von Erhard Roy Wiehn herausgegebenen Titel:
Bücher über den
jüdischen Widerstand
Jüdische Überlebens- und Nichtüberlebensschicksale in
Deutschland
Zum Inhaltsverzeichnis
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