
Ana-Maria Pǎlimariu
„Chemnitzer Zähne“
Ironie in Martin Walsers Werk
der 1970er- und 1980er-Jahre
2007, 240 Seiten. € 32,00.
ISBN 3-86628-125-0
In seinen Frankfurter
Vorlesungen (1981) weist Martin
Walser die „reine Ironie“ und die „rhetorische Ironie“, als
Sprachformen, der Erziehung bzw. der Unterhaltung zu. In dieser
Arbeit werden sie als zwei Relationsmodelle zwischen Bewusstsein/Geist und
Körper/Buchstabe aufgefasst. Der implizite Vorwurf, den Walser als Autor dem
Vertreter der „rhetorischen Ironie“ Schlegel macht, ist, dass er ein
Ironie-Konzept vertritt, nach dem Bewusstsein/Geist vom Körper/Buchstabe
„technisch zu trennen“ seien. In dieser Arbeit wird die Gegenüberstellung „reine
Ironie“ vs. „rhetorische Ironie“ als Opposition von Ironie der Erziehung und
Ironie der Unterhaltung hauptsächlich als Folge seiner verfehlten
Schlegel-Lektüre erkannt. Walser teilt all das, was er bespricht, in ein
dichotomisches Modell auf, und damit „gut“/„rein“ und „böse“/„rhetorisch“ auch
durch historische Figuren belegt werden
können, ordnet er die
genannten Denker in das Modell ein, verkürzt aber damit eindeutig Friedrich Schlegels Ironiebegriff.
Die Polarisierung, die
Walser in seinen Vorlesungen vornimmt, lässt sich auch in seinem Werk der
1970er- und der 1980er-Jahre auffinden. Auch hier gibt es eine Art
Gegenüberstellung zwischen einem Guten oder Knecht und einem Bösen
oder Herrscher. In den besprochenen Werken lassen sich narrative
Inszenierungen von fiktiven Konflikten ausmachen, durch die die Welt in Gut und
Böse aufgeteilt erscheint. Dabei ist die Gegenspieler-Seite, die das Böse
verkörpert, deshalb sehr wichtig, weil die Güte der als „rein“ inszenierten
Figur vor dem Hintergrund des Bösen erst überzeugend erscheinen kann.
Diese Arbeit kommt zum
Ergebnis, dass Walsers in den Vorlesungen „reine Ironie“ genanntes
Verfahren in seinen Romanen dementiert wird. Das Erkenntnisinteresse dieser
Arbeit liegt deshalb nicht so sehr im Bereich dessen, dass es Walser
darum geht, „die Welt neu zu erkennen“ (Yuk 2002: 8),
sondern darin, wie er Möglichkeiten schafft, die Welt so zu inszenieren,
wie sie im Bewusstsein des Lesers werden sollte. Das Erkenntnisinteresse
dieser Arbeit ist es nicht so sehr, festzulegen, ob Walser recht hat
oder nicht, sondern mehr wie er als Autor und Erzähler „gut“ und „böse“
in einem Abschnitt seines Werks so inszeniert, dass die „rhetorische Ironie“
als böse inkriminiert und verkürzt wird. Bei der Ausführung des Wie dieser
Inszenierung erweist sich Folgendes als besonders relevant: Die
Erzählperspektive, die zwar einem personalen Erzähler gehört, fokalisiert sich auf das Bewusstsein der „reinen“
ironischen Figur. Über das Bewusstsein der „rhetorischen“ Figur hingegen fehlt
jeglicher Hinweis. Indem die Erzählperspektive nur das Äußere der
„rhetorischen“ Figur zum Thema macht, kann sie stilistisch genauso „technisch“
die rhetorische Figur in der Darstellung manipulieren. Die „reine Ironie“ von
Walsers Erzähler hat die Funktion, die „rhetorische“ Figur durch die Verkürzung
um ihre Innenseite als böse zu inszenieren.
Schlagwörter: Martin Walser, Frankfurter Vorlesungen,
Jenseits der Liebe, Ein fliehendes Pferd, Brief an Lord Liszt, Brandung,
Ironie, (irony), Körper, (body),
Inszenierung, Ethik, Rhetorik
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