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Neuerscheinung April 2010

Beschreibung: 3866283008

Raffael Wieler-Bloch

 

Richard Liebermann
Der gehörlose Porträt- und Landschaftsmaler 1900-1966.
Herausgegeben von Erhard Roy Wiehn

Konstanz 2010; 260 Seiten, EUR 24,80.
ISBN  978-3-86628-300-8

 

Aus dem Nachwort des
Herausgebers Erhard Roy Wiehn:

 

Eine verdichtete Familiensaga

Raffael Wieler-Bloch hat als Angehöriger der Großfamilie Wieler gewissermaßen von innen Leben und Lebensleistung dieses bedeutenden Mannes in einer besonders einfühlsamen und liebevollen Weise nachgezeichnet wie in einer Art Fachwerkbau: Zwischen dem hand- und standfesten Balkengerüst der objektiven Daten und Fakten hat er feinfühlig, geistreich, lustig, spannend, subtil, traurig, witzig verdichtete Zeilenwerke ein-gefügt, welche die damalige Wirklichkeit des Familienlebens der Liebermanns so realistisch beschreiben, wie es hätte gewesen sein können.

Zwar war Richard Liebermann auch schon vor dem vorliegenden Buch vor dem Schicksal bewahrt geblieben, ein völlig vergessener Künstler zu werden. Gernot Römer hat ihn bereits 1995 erwähnt, und zwar in: „Ein fast normales Leben, Erinnerungen an die jüdischen Gemeinden Schwabens, Ausstellung in Augsburg, Lebensgeschichte und Bilder zu Richard Liebermann“. Zu erinnern ist auch an die wohl erste große, 35 Jahre nach seinem Tod aber keinesfalls verfrühte Ausstellung: „Spurensuche: Richard Liebermann 1900-1966. Lebenslinien eines gehörlosen jüdischen Künstlers. Edmund Scharff Museum Neu-Ulm, 9. November 2001 – 3. Februar 2002“. Der Bayerische Rundfunk brachte am 9. Dezember 2001 die Sendung „Sehen statt hören“ (Deutsche Gesellschaft zur Förderung der Gehörlosen und Schwerhörigen e.V.) über Richard Liebermann, dessen Daten inzwischen auch im Internet präsent sind.

 

Es ist ein Werk von starker Erzähl- und Darstellungskraft, und mit der berührenden, beglückenden, tragischen, traurigen, unheimlich verdichteten Familiensaga „Richard Liebermann – Der gehörlose Porträt- und Landschaftsmaler 1900-1966“ ist dem Autor zweifellos ein exzellenter Wurf gelungen – und nicht zuletzt eine liebevolle, opulente, substanzielle Hommage an einen unvergessenen und unvergesslichen Künstler.

 

Buchrezension in:

 

Basler Zeitung vom 26. Oktober 2011, Seite 35

 

Gegen das Vergessen

Ein Buch über den gehörlosen Maler Richard Liebermann

Von Annemarie Monteil

 

Wie schreiben über den Holocaust, fragt Bernhard Schink in seiner Heidelberger Poetikvorlesung. Und er befand, «Wahrheit» sei hier «die einzige Verpflichtung». Ein schmales Buch über den gehörlosen Maler Richard Liebermann gibt auf dieser Basis eine behutsame, eindrückliche Antwort.

Eigentlich geht es um eine keineswegs ausserordentliche Familiengeschichte. Heiter ist das Leben im Hause Wieler mit fünf Söhnen und drei Töchtern. Was es vom Harmlosen unterscheidet, sind zwei dunkle Wolken, die über der freundlichen Erzählung dräuen und die Lektüre notwendig machen.

Eine Wolke entlud sich wörtlich, als Rebekka Wieler ihre Tochter Gertrud Liebermann besuchte und ein Donnerschlag drei ihrer Grosskinder aufwirbelte, nur der kleine Richard ass unbekümmert weiter: «Er hört ja nichts.» Viel später wird ein Lehrer sagen: «Seine Augen hören.» Die zweite Düsternis kommt langsamer und schrecklicher. 1923 erscheinen Plakate: «Ein Jude kann kein Volksgenosse sein.» Die Wielers und die Liebermanns, gute Deutsche, die Väter Soldaten im Ersten Weltkrieg, fragen sich: «Was sind wir denn?».

Persönliche Anteilnahme       .

Der gemächliche Erzählfluss lässt vorerst nur schmale Ritzen für das Erschrecken. Man begleitet den sechsjährigen Richard nach München in die «Königliche Taubstummenanstalt». Hier ist der Autor, der bereits seine Figuren mit persönlicher Anteilnahme schilderte, vollends dabei: Raffael Wieler war Rektor einer grossen Schule beider Basel für Kinder und Jugendliche mit Behinderungen. Professionell und lebendig erlebt man, wie Richard «sprechen»: lernt: Die Disziplin seiner Schule erlaubt nur Laut-, nicht Gebärdensprache.

Ein Refrain durchzieht das Buch «Richard malt» - und ist dabei glücklich. In der Schule erkennt man sein Begabung, er darf an die Akademie, ist aber keineswegs verwandt mit dem damals grossen Max Liebermann. Sein Landschaften und Porträts im akademischen Stil mit sensibler Linienführung gefallen. 1933 kommt Hitler an die Macht. Richard Liebermann ist 33. Berufsverbot für Juden. 1938 Häftling im Konzentrationslager Dachau.

Unterkunft im Kloster

Er malt, kommt zurück, kahl geschoren. 1940 ein Polizeiauto vor de Türe: mitkommen. Er und Schwester Gertrud werden nach Gurs am Fuss der Pyrenäen deportiert. Diese Gertrud ist eine wundervolle Frau. Schon als Kind beschützte sie den Bruder, jetzt rettet sie ihn, den im Alltag Hilflosen. Er bemalt die Fensterscheiben der Ba­racke. 1943 gelingt die Flucht, sie finden Unterkunft in einem Kloster in St.-Rambert. Gertrud, tüchtig, liebenswürdig, hilft den Nonnen, Richard porträtiert Franzosen. 1966 stirbt er. Mutter Hedwig, mittlerweile depressiv geworden, wurde Euthanasie-Opfer.

1972 kehrt Gertrud nach Konstanz zurück, im Koffer Bilder und das Malbüchlein des Bruders. Der junge Raffael Wieler darf Tante Trude von Basel aus besuchen: eine fröhliche, lebenszugewandte alte Dame. «Aber frag sie nicht nach früher.» Er sieht die Bilder: «Wer hat das gemalt?» Sie erzählt und verschenkt, «bei euch sind sie gut aufgehoben.» Sie sind es. Der junge Verwandte bringt Richard Liebermann, den die Nazis totschweigen wollten, wieder ins Bewusstsein.

Und mehr: Er leistet einen sehr persönlichen Beitrag zur deutschen Geschichte des 20.Jahrhunderts. Er zeigt, zu welchem Grauen blinder Gehorsam führt, aber auch, was überlebt: Menschenhilfe, Mut, Geschwisterliebe und Erinnerungen, die es aufzuzeichnen gilt, damit sie lebendig bleiben.

 

 

 

 

Buchrezension in:

 

Augsburger Allgemeine Nr. 119 vom 27. Mai 2010, Seite 12

 

Biografie und Familiensaga

Erinnerung an den jüdischen Maler Richard Liebermann aus Neu-Ulm

von GERNOT RÖMER

 

2001 hat das Edwin-Scharff-Museum in Neu-Ulm mit einer großartigen und umfangreichen Ausstellung an den Maler Richard Liebermann erinnert. Auch im Ulmer Museum sowie im Jüdischen Kulturmuseum Augsburg waren schon Bilder des aus Neu-Ulm stammenden taubstummen Künstlers zu sehen. Nun gibt es auch ein Buch über ihn.

Autor Raffael Wieler-Bloch ist ein nachgeborener Verwandter des zu Unrecht fast vergessenen Malers; er lebt im schweizerischen Basel. Richard Liebermanns Mutter Hedwig war eine geborene Wieler aus Konstanz. Um die Wende zum 20. Jahrtausend hält der aus Ichenhausen stammende und in Neu-Ulm lebende Hopfenhändler Heinrich Liebermann um ihre Hand an.

Möglicherweise lockt ihn die Aussicht auf eine zu erwartende hohe Mitgift. Die gibt es in der Tat. Sie besteht aus einer großartigen Aussteuer und 35000 Mark in bar. 1897 wird Hochzeit gehalten, doch wird die Ehe nicht sehr glücklich. Vier Kinder werden den Liebermanns geboren, drei Buben, ein Mädchen. Sohn Richard ist taubstumm. Seine Schwester Hedwig wird ihn durchs Leben geleiten.

Richard besucht die Königliche Taubstummenanstalt in München. Wenn die anderen Schützlinge spielen, zeichnet und malt er, malt und malt. Als er zwölf Jahre alt ist, sorgen Zeichnungen von ihm bei Kunstkennern bereits für Aufsehen. „Sie werden es kaum glauben … , der Kerl ist erst zwölf Jahre alt!“, zitiert Autor Wieler-Bloch einen Kunstkenner, und der Leser des Buchs fragt sich, woher er das und vieles andere wissen kann …

Erhard Roy Wiehn, angesehener Historiker und Soziologe an der Universität Konstanz, bezeichnet in einem Nachwort Wieler-Blochs Liebermann-Buch als eine Familiensaga. In der Tat ist das keine nüchterne Biografie, sondern eine vom Autor eingeräumte Mischung aus Wahrheit und Dichtung.

Im Wieler‘schen Familienarchiv hat der Autor Briefwechsel zwischen den Liebermanns in Neu-Ulm und den Wielers in Konstanz gefunden. Die bezeugen etwa die prekäre finanzielle Lage der Familie Liebermann und auch den schwierigen Charakter Heinrich Liebermanns. Raffael Wieler-Bloch hat auch in anderen Archiven geforscht. In den Akten der Münchner Kunstakademie suchte er nach Spuren aus Richard Liebermanns Studienjahren von 1928-1930; und er kannte Gertrud Liebermann, die unzertrennliche Schwester des Malers noch.

Wie Vater Heinrich sowie die Brüder Richard und Paul und viele andere badische Juden wurde sie im sogenannten III. Reich ins Konzentrationslager Gurs in Frankreich deportiert. Der Vater ist im KZ gestorben; Paul, Richard und Gertrud überlebten, kehrten aber nicht nach Deutschland zurück. Bis zu seinem Tod 1966 im französischen Städtchen St. Rambert hat sie selbstlos für Richard gesorgt. Viele Bilder hat der unermüdliche Maler dort hinterlassen. Sein letzter Lebensabschnitt war überschattet von der Parkinson‘schen Krankheit.

 

 

 

Vom selben Autor:

 

Raffael Wieler-Bloch

Verstrickungen

Eine Familiensaga aus der Provinz Posen sowie Chemnitz
und in der deutsch-schweizerischen Bodenseeregion

Herausgegeben von Erhard Roy Wiehn
Konstanz 1. Aufl. 2008; 155 Seiten, EUR 16,00.
ISBN 3-86628-226-5, 978-3-86628-226-1

 

 

Weiterhin aktuell sind die folgenden von Erhard Roy Wiehn herausgegebenen Titel:

Jüdische Überlebens- und Nichtüberlebensschicksale in Deutschland

Inhaltsverzeichnis der Edition / to the contents of the edition Shoáh & Judaica / Jewish Studies

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